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Stark machen gegen Selbstverletzung

Stark machen gegen Selbstverletzung

Erst ritzen, dann posten

Wie Jugendliche sich selbst verletzen und in Sozialen Netzwerken darüber austauschen

Sie schneiden sich mit Rasierklingen, fügen sich Verbrennungen zu oder schlagen mit dem Kopf gegen die Wand. Das sogenannte nicht-suizidale selbstverletzende Verhalten (NSSV) hat viele Gesichter und ist unter Jugendlichen weit verbreitet. Soziale Medien verstärken den Trend – allein auf Instagram finden sich unter dem Hashtag #ritzen aktuell mehr als 230.000 Posts. Durch „soziale Ansteckung“ kommen viele Jugendliche erst auf die Idee, sich selbst weh zu tun. Hilfestellung bei NSSV bietet unter anderem das von der Baden-Württemberg Stiftung initiierte Projekt „4S“ mit Fortbildungen und einer Notfall-Hotline.

Stuttgart, 12. Dezember 2016 – Für Jugendliche ist es eine Möglichkeit, ihre Emotionen  zu kontrollieren, Frust und Ärger heraus zu lassen oder sich selbst zu bestrafen, wenn etwas nicht gut gelaufen ist. Das nicht-suizidale selbstverletzende Verhalten (NSSV) ist zwar selten mit Selbstmordgedanken verbunden, muss aber dennoch sehr ernst genommen werden. Eltern, Freunde oder Lehrer sollten das Thema nicht ignorieren, sondern Betroffene direkt und mitfühlend darauf ansprechen. Vorwürfe oder offen gezeigtes Entsetzen sollten dabei unbedingt vermieden werden.

Ein Viertel aller Schüler betroffen

Ein Merkmal des NSSV ist, dass es wiederholt auftritt. Es geht um die bewusste, freiwillige und direkte Zerstörung von Körpergewebe, die sozial nicht akzeptiert ist und ohne suizidale Absicht erfolgt. Dieses Verhalten kann zur Sucht werden, und oft schneiden sich Betroffene mit der Zeit immer tiefer, weil der Reiz erhöht werden muss. Mehrere Studien aus Deutschland zu diesem Thema belegen, dass etwa ein Viertel aller Schüler zwischen 14 und 17 sich schon einmal selbst verletzt hat, knapp zehn Prozent davon wiederholt. Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass NSSV unter Teenagern ähnlich weit verbreitet ist wie in anderen westlichen Ländern, darunter Australien, USA und Kanada. „Ritzen und anderes selbstverletzendes Verhalten ist für die Wissenschaft ein relativ junges Phänomen; erst seit 2006 wird es in Deutschland überhaupt erforscht“, sagt Prof. Paul Plener von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Ulm, einer der führenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Sein neuestes Projekt beschäftigt sich ganz explizit mit dem Thema „soziale Ansteckung“ – also der Übertragung von selbstverletzendem Verhalten auf andere mittels Sozialer Medien.

Ritzen und posten

Durch die sozialen Netzwerke hat sich das Phänomen mittels „sozialer Ansteckung“ verbreitet. Ungefähr 6.000 deutschsprachige User tauschen sich derzeit auf Instagram unter mehr also 230.000 Posts zu Hashtags wie #ritzen über ihre Selbstverletzungen aus. Sie suchen Gleichgesinnte, wollen Bestätigung oder Anerkennung. Da für Jugendliche das Verhalten anderer als Verstärker wirken kann, verbreitet sich der Trend dadurch. Seit neuestem bietet Instagram die Option „Hilfe holen“ für User an, die nach Hashtags mit selbstverletzendem Charakter suchen; die Beiträge sind dennoch sichtbar für alle, die sie sehen wollen. Jugendschutzverbände fordern, dass Betreiber solcher Netzwerke entsprechende Inhalte löschen.

Rat für hilflose Lehrer

Oft fällt selbstverletzendes Verhalten zuerst in der Schule auf, beispielsweise im Sportunterricht. Mehr als 80 Prozent der Lehrer in Deutschland haben bereits Erfahrungen mit NSSV-Betroffenen gemacht. Plener empfiehlt, dass Eltern oder Lehrer Kinder mit Verletzungen respektvoll aber direkt ansprechen und dabei Vorwürfe oder Suizidterminologie vermeiden sollten. Unterstützung bei diesem Thema bietet auch die Baden-Württemberg Stiftung, die seit 2014 ein Trainingsprogramm für Schulpersonal finanziert, das Hilfestellung beim Umgang mir NSSV-Betroffenen gibt. Das Projekt „4S“ (Schulen stark machen gegen Suizidalität und selbstverletzendes Verhalten) bietet eine Notfall-Hotline und vermittelt in kostenfreien zweitägigen Seminaren, wie man als Lehrer NSSV erkennt und wie man damit umgeht. "Vor allem der Druck in der Peer Group ist für Kinder zwischen 12 und 17 Jahren immens. Eine zerbrochene Freundschaft oder ein Gerücht kann einem Mädchen immensen emotionalen Stress bereiten, und sich selbst zu verletzen ist leider eine Form der Stressbewältigung, die ich immer wieder sehe", sagt Conny Hummel, Schulsozialarbeiterin an den Klosterschulen Unserer Lieben Frau in Offenburg, die von rund 1000 Mädchen besucht werden. Sie hat im Frühjahr an der zweitägigen Schulung "4S" teilgenommen und äußert sich begeistert über die Fortbildung. „4S ist wissenschaftlich fundiert und bietet viele hilfreiche Tools, die wir im Schulalltag nutzen, wie zum Beispiel eine Liste alternativer Stressregulations-Strategien, die die Schülerinnen anwenden können, ohne sich zu verletzen und die ihnen zeigen, wie sie ihr Verhalten besser steuern können." Statt sich zu ritzen, beißen die Kids zum Beispiel in eine Chilischote oder drücken sich einen Eiswürfel auf die Haut. Der Schmerz bringt die ersehnte Erleichterung, aber es fließt kein Blut. Nach dem Seminar hat die ausgebildete Therapeutin zum Beispiel die gemeinsame Erarbeitung eines Schulprotokolls mit dem Lehrerkollegium initiiert, das eine verbindliche Vorgehensweise für Schülerinnen mit Suizidalität oder selbstverletzendem Verhalten festlegt – zum Beispiel, dass sich selbstverletzende Schülerinnen ihre Wunden verbinden müssen, um damit keine "Werbung" zu machen und um zu vermeiden, dass sich das Schneiden und Ritzen wie eine Seuche in der Klasse ausbreitet.

Stressabbau durch Sport oder Ersatzhandlungen

Sich einem Erwachsenen anzuvertrauen und über die Probleme im Freundeskreis oder in der Familie zu reden, ist oft der erste Schritt weg von NSSV. Eine wirksame Strategie, um dieses Verhalten gar nicht erst entstehen zu lassen, gibt es nicht. Bisherige Studien zeigen, dass Jugendliche, die sich selbst als sportlich bezeichnen, sich äußerst selten selbst verletzen. Im Gegenteil zeigen Jugendliche, die der Gothik- oder Punkszene angehören, überdurchschnittlich oft NSSV. Da die Selbstverletzungen häufig zur Regulation negativer Emotionen eingesetzt werden, ist ihre Bekämpfung nicht leicht. Oft fallen Jugendliche unter Stress wieder in alte Verhaltensmuster zurück.

Weitere Informationen unter: www.projekt-4s.de

Medienkontakt:

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